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Disclaimer – weil’s wichtig ist:
Meine Blogartikel sind im generischen Femininum verfasst – ganz bewusst. Nicht, weil ich nur Frauen ansprechen möchte oder weil Männer oder nicht-binäre Menschen nicht gemeint sind. Sondern weil wir über Jahrhunderte Texte im generischen Maskulinum lesen durften. Das ist überholt. Es wird Zeit, dass sich Sprache verändert – damit sich Denken verändern kann.


„Vollzeitarbeit. Beziehung pflegen. Wertvolle Zeit mit den Kindern. Hausaufgaben. Haushalt. Einkaufen. Wäsche. Regelmäßig Sport. Und Entspannen. Gesund kochen. Freundschaften pflegen. Arzttermine. Hobbys pflegen. Lebenslanges Lernen. Auch mal nichts tun. Sich politisch/gesellschaftlich engagieren. Wie?“
– Dieser Skeet auf Bluesky von @mupfmama.bsky.social trifft’s. Schmerzhaft genau. Denn ja – wie, bitte schön?

Ich gehe mittlerweile unter der Woche um 20 Uhr ins Bett – Akku leer. Und ich bin nicht allein damit. Es geht einfach gar nicht mehr anders. Der Alltag vieler Familien hat längst das Level „gesundes Funktionieren“ verlassen – und spielt stattdessen in der Champions League der Dauerüberlastung.

Ich stelle mir manchmal vor, mein Alltag wäre eine dieser riesigen Handtaschen, die früher mal in Mode waren. Du weißt schon, mit 37 Innenfächern, mindestens einem Reißverschluss, der sich nie wieder schließen lässt, und einem Henkel, der eigentlich schon ab ist, aber mit einer Haarklammer notdürftig befestigt wurde.

Und diese Tasche – die ist voll. Mit allem. Emotionale Verantwortung, Erwerbsarbeit, mental load deluxe, Care-Arbeit, Partnerschaft, Selbstfürsorge (haha), Zeit mit Freund*innen, Zeit mit Kindern, Haushalt, Arzttermine, Steuer, Sport, Weltgeschehen, Kitaausschuss, Nachbarschaft, Beziehungskrise, Einschlafbegleitung. Und am Boden: die Reste meines Nervenkostüms.

Aber Hauptsache: Vereinbarkeit.

Nur: Vereinbarkeit ist ein hübsches Wort für eine riesige Lüge.

Denn solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen, ist dieses „Vereinbaren“ nichts weiter als das Jonglieren mit brennenden Kettensägen auf einem Drahtseil über einem Becken voller Krokodile – und das alles bitte mit einem Lächeln.

Wie es eigentlich gemeint war – und was daraus geworden ist

Vereinbarkeit sollte bedeuten: Ich kann Beruf und Familie leben, ohne mich zu zerreißen. Ohne dass am Ende immer jemand zu kurz kommt.

Aber was ist es wirklich?

Es ist die Erwartung, gleichzeitig eine verlässliche Kollegin, liebevolle Mutter, sexy Partnerin, top organisierte Familienmanagerin, politische Aktivistin, klimabewusste Einkäuferin, gesunde Köchin und entspannte Freundin zu sein – am besten alles in einem 24-Stunden-Zeitfenster.

Was dabei regelmäßig untergeht? Du selbst. Dein Bedürfnis nach Ruhe. Nach nichts. Nach Sein.

Und trotzdem denken viele von uns: Ich muss das doch schaffen. Alle anderen kriegen das doch auch hin. (Spoiler: Nein. Kriegen sie nicht. Sie tun nur so. Oder brechen irgendwann zusammen.)

Die Rechnung geht nie auf – irgendwer zahlt immer drauf

Diese Form von „Vereinbarkeit“ hat nämlich einen versteckten Preis. Und der wird meistens von uns selbst bezahlt. Mit Erschöpfung. Gereiztheit. Mit dem Gefühl, nie genug zu sein. Oder mit Schuldgefühlen, weil du deinem Kind heute wieder nicht richtig zugehört hast, weil du mit einem Ohr noch in der Teams-Besprechung warst.

Oder weil du deiner Partnerin abends nicht mehr zuhören kannst, weil du nur noch schlafen willst. Oder weil du seit drei Wochen versuchst, deiner besten Freundin zu antworten und es einfach nicht schaffst. Weil du, ganz ehrlich, keine einzige weitere Person in deinem Tag unterbringen kannst – nicht mal dich selbst.

Und jetzt?

Wir brauchen keine Coachingtipps, wie man noch effizienter wird. Wir brauchen keine 10-Punkte-Listen mit Selbstoptimierungsideen.

Wir brauchen eine Systemveränderung. Und bis dahin? Brauchen wir Ehrlichkeit. Solidarität. Verständnis. Und eine große Portion Mut, Dinge NICHT mehr mitzumachen.

Was du konkret tun kannst:

  • Erkenne deine Grenzen. Nicht erst, wenn du längst drüber bist. Du darfst früher „Stopp“ sagen.
  • Hinterfrage das Müssen. Muss ich das wirklich? Oder denke ich nur, dass ich es muss?
  • Such dir Verbündete. Niemand sollte diesen Kampf alleine führen. Austausch hilft.
  • Lass los. Den Anspruch, alles gleichzeitig schaffen zu müssen. Lass ihn ziehen. Er hat dir noch nie geholfen.

Oder, falls du den Reißverschluss deiner Handtasche gerade nicht findest:

Kläre deine Prioritäten. Und klatsch, wenn’s richtig brennt, einfach mal in die Hände, dreh dich dreimal im Kreis und pfeif „La Paloma“.

Das ändert nicht die Welt. Aber vielleicht den Moment. Und manchmal reicht das.

Fazit: Du bist nicht falsch. Das System ist es.

Du bist nicht unorganisiert. Du bist nicht faul. Du bist nicht undiszipliniert. Du bist Teil eines Systems, das auf vollständiger Selbstausbeutung basiert.

Das Problem bist nicht du. Das Problem ist die Illusion, dass das, was du täglich leistest, nicht nur möglich, sondern selbstverständlich sei.

Also: Hör auf zu versuchen, in ein System zu passen, das nie für dich gemacht wurde.

Erfind mit uns ein neues. Auf Augenhöhe. Bedürfnisorientiert. Und bitte: mit Pausen.

Denn du bist wertvoll. Auch – und gerade – wenn du mal NICHT funktionierst.