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Social Media, Selbstdiagnosen und Depression

Warum es sich oft wahr anfühlt und trotzdem riskant sein kann

Hinweis zum Kontext: Der Anlass für diesen Artikel war eine Interview–Anfrage für eine schulische Facharbeit, aber das Thema betrifft längst nicht nur den Unterricht, denn Social Media prägt heute spürbar, wie Menschen ihre Gefühle deuten, sich selbst einordnen und mit dem Verdacht auf Depression umgehen.

Psychische Gesundheit ist heute überall. Das ist erst mal gut. Viele Menschen, gerade Jugendliche, finden über Social Media zum ersten Mal Worte für etwas, das sie vorher nur als diffuses Funktionieren oder Nicht Funktionieren kannten. Das kann Scham senken, entlasten und den Schritt erleichtern, sich Hilfe zu holen.

Gleichzeitig ist Social Media kein neutraler Aufklärungsraum. Es ist ein Aufmerksamkeitsraum. Und dort gewinnt nicht das, was am sorgfältigsten erklärt, sondern das, was am stärksten bindet.

„The story I’m making up is.“ Brené Brown

Dieser Satz ist als kleine mentale Notbremse gedacht. Und genau so eine Notbremse brauchen wir, wenn es um Selbstdeutung über Social Media geht. Denn was viele unterschätzen: Social Media zeigt nicht die Realität, sondern deine personalisierte Realität. Was du anschaust, worauf du reagierst, was du speicherst oder auch nur länger hängen lässt, wird als Interesse gewertet. Dann bekommst du mehr davon. Und noch mehr. Und noch mehr. Dadurch entsteht nicht einfach Information, sondern eine Wiederholungsschleife. Und Wiederholung prägt.

Was oft auftaucht, wirkt normal. Was oft behauptet wird, wirkt richtig. Und was emotional packt, bleibt hängen. Das Problem ist nicht ein einzelnes Video. Das Problem ist der Loop, der sich wie Wahrheit anfühlt, obwohl er vor allem eins ist: häufig.

„Discomfort is the price of admission to a meaningful life.“ Susan David

Ich mag dieses Zitat, weil es einen wichtigen Punkt trifft: Gefühle sind nicht immer angenehm. Und genau da beginnt das Risiko. Wenn Social Media verspricht, dass man unangenehme Gefühle schnell einordnen, schnell benennen und am besten schnell lösen kann, klingt das erst mal tröstlich. In der Realität ist es oft komplizierter. Und genau diese Komplexität passt schlecht in 30 Sekunden Content.

Sprache ist ein Fortschritt. Schnellschubladen sind es nicht.

Dass junge Menschen heute offener über Depressionen und psychische Belastungen sprechen, ist ein echter Fortschritt. Gleichzeitig beobachte ich eine starke Tendenz, Begriffe zu groß, zu schnell oder schlicht falsch zu verwenden. Trigger ist so ein Klassiker. Nicht alles triggert. Vieles nervt, verletzt, überfordert oder macht wütend. Trigger meint etwas Spezifisches und wenn man alles so nennt, verliert das Wort seinen Sinn.

Noch deutlicher wird es bei Narzissmus. Ein egoistischer Moment macht keine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ebenen. Trotzdem wird dieses Label schnell verteilt, weil es sich eindeutig anfühlt. Und weil Eindeutigkeit beruhigt, auch wenn sie fachlich nicht stimmt.

Beim Thema Depression passiert etwas Ähnliches. Statt zu sagen mir geht es seit Wochen schlecht, ich habe kaum Energie, ich ziehe mich zurück, ich schlafe schlecht, kommt schneller das Etikett ich habe Depressionen. Manchmal stimmt das. Manchmal steckt ein anderer Hintergrund dahinter, zum Beispiel chronischer Stress, Überforderung, Einsamkeit, Trauer, Mobbing, Schlafmangel, körperliche Faktoren. Social Media sortiert das selten. Es etikettiert. Und Etiketten geben kurzfristig Halt, können aber langfristig den Blick verengen.

Selbstdiagnose ist verständlich. Aber nicht automatisch korrekt.

Ja, Selbstdiagnosen wirken heute häufiger. Dafür gibt es mehrere Gründe. Es gibt viel mehr Content. Psychologische Begriffe sind alltagstauglicher geworden. Und nicht wenige Menschen suchen Antworten im Netz, weil echte Versorgungslücken existieren oder Wartezeiten zermürben.

Aber: Ein Wiedererkennen ist keine Diagnostik. Und high functioning depressive ist kein Beweis. Nur weil jemand traurig und antriebslos ist und trotzdem noch funktioniert, ist das nicht automatisch eine Kategorie, die klinisch sauber greift. Umgekehrt bedeutet Funktionieren auch nicht, dass es nicht ernst ist. Es bedeutet nur: Die Oberfläche hält gerade noch. Und genau deshalb ist Einordnung so wichtig.

Die größten Risiken sind nicht die Videos. Es ist das, was sie auslösen.

Ein zentrales Risiko ist Overgeneralization. Ein Symptom wiedererkennen bedeutet nicht automatisch, dass man die Störung hat. Viele Symptome sind unspezifisch. Dazu kommt fehlende Differenzialdiagnostik. Social Media prüft keine Dauer, keine Intensität, keine Alltagseinschränkung, keinen Kontext und keine Alternativen. Es checkt keine körperlichen Ursachen. Es macht keine Diagnostik. Es macht Muster.

Ein weiterer Punkt ist Verzögerung von Hilfe. Ich weiß ja schon, was ich habe, höre ich öfter. Nein, das weißt du nicht. Und selbst wenn du mit deinem Verdacht richtig liegst, wäre das kein Grund, alleine weiterzumachen. Sondern ein Grund, dir Unterstützung zu holen.

Dann kommt das Thema falsche Selbstbehandlung. Gerade im Mental Health Bereich sind die Lautesten nicht automatisch die Qualifiziertesten. Viele Creator können sich großartig präsentieren, haben eine gute Dramaturgie, passende Musik, perfekte Kameraeinstellung, und klingen psychologisch. Und irgendwann stellt sich raus: null Qualifikation. Null. Das klingt dann trotzdem für viele plausibel, weil es gut erzählt ist. Reichweite ist kein Qualitätsmerkmal. Schon gar nicht bei psychischen Themen.

Und ja, ich sage es direkt: Ich halte es für hochriskant, wenn Menschen mit Heilsversprechen arbeiten, Retreat Romantik verkaufen und dabei suggerieren, man müsse nur das spirituelle Selbst finden, dann wird alles gut. Hoffnung ist wichtig. Aber falsche Hoffnung ist gefährlich.

Identifikation ist der Punkt, an dem es kippt.

Ein Muster, das ich bei jungen Menschen besonders häufig sehe, ist die komplette Identifikation. Es ist dann nicht mehr ich habe depressive Symptome oder ich habe eine depressive Phase, sondern ich bin depressiv. Punkt. Als Identität. Das ist psychologisch nachvollziehbar, weil Identität Sicherheit gibt. Gleichzeitig macht es Veränderung schwerer. Denn wenn etwas zu mir gehört, fühlt sich Verbesserung manchmal an wie Verrat an mir selbst.

Deshalb ist mir ein Satz wichtig, den ich in der Beratung immer wieder benutze: Du bist nicht die Depression. Selbst wenn eine Diagnose stimmt, ist sie ein Teil deines Erlebens, nicht dein ganzes Sein.

„Recovery can take place only within the context of relationships it cannot occur in isolation.“ Judith Herman

Das gilt nicht nur für Trauma, sondern grundsätzlich auch für depressive Zustände. Rückzug ist ein Symptom. Isolation ist ein Verstärker. Alleine im Feed wird es selten klarer. Meist wird es nur lauter.

Kann Social Media Symptome verstärken?

Ja, das kann passieren. Nicht bei allen, aber oft genug, dass man es ernst nehmen sollte. Wenn du permanent Inhalte siehst, die deine Aufmerksamkeit auf Symptome ziehen, beobachtest du dich enger. Du deutest mehr. Du vergleichst mehr. Du suchst mehr Bestätigung. Gleichzeitig beeinflusst exzessiver Konsum ganz praktisch Schlaf, Konzentration und Stimmung. Und wenn Schlaf und Rhythmus kippen, kippt oft auch die psychische Stabilität.

 

Was tun bei Verdacht auf Depression?

Ernst nehmen, ohne dich festzunageln. Du musst nicht warten, bis du ein perfektes Label hast, um Unterstützung zu bekommen. Sprich mit einer realen Person, nicht nur mit dem Algorithmus. Eine Vertrauensperson, Schulsozialarbeit, Beratungslehrkraft, Familie, jemand, der wirklich da ist.

Und: Klären statt Beweisen. Ein Gespräch in der medizinischen oder psychotherapeutischen Versorgung kann einordnen, abklären und differentialdiagnostisch sortieren. Parallel kann es sehr sinnvoll sein, früh anzusetzen, bevor sich Muster verfestigen. Prävention ist kein Luxus. Prävention ist oft der klügste Zeitpunkt.

Wie ich in der psychologischen Beratung mit Social Media Selbstdiagnosen umgehe

Wenn jemand mit einer Selbstdiagnose aus Social Media kommt, nehme ich das ernst, aber ich übernehme es nicht ungeprüft. Unter dem Label steckt fast immer etwas Reales: Leidensdruck, Orientierungssuche, das Bedürfnis nach Erklärung und nach Halt. Genau da setze ich an.

Mir ist dabei eine Grenze sehr wichtig, und die wird nicht weichgespült. Psychologische Beratung ist nicht Psychotherapie. In der Beratung arbeite ich nicht mit Diagnosen im klinischen Sinn und ich behandle keine psychischen Erkrankungen im therapeutischen Rahmen. Dafür gibt es qualifizierte, entsprechend ausgebildete und zugelassene Fachpersonen, also Ärztinnen und Ärzte sowie approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten.

Was ich in der Beratung tue, ist sortieren, stabilisieren und nach vorne ausrichten. Wo stehst du gerade. Was genau erlebst du. Seit wann. Was hat sich verändert. Welche Hürden stehen gerade im Weg. Was verstärkt es. Was hilft. Welche kleinen, machbaren Schritte bringen dich zurück in Handlung. Welche Ressourcen sind da. Welche Unterstützung brauchst du im Alltag. Und ganz wichtig: Wenn ich merke, dass das Thema diagnostisch oder therapeutisch in einen Bereich geht, der meine Kompetenzgrenze überschreitet, dann gehört eine Weiterleitung dazu. Nicht als Abschieben, sondern als Schutz. Für die Klientin. Und auch für die Qualität der Hilfe.

„People are doing the best they can, and they still need to do better and try harder.“ Marsha Linehan

Ich nutze diesen Gedanken gerne als Haltung im Beratungsraum, weil er beides hält: Mitgefühl und Veränderung. Du bist nicht faul oder kaputt, weil du gerade nicht kannst. Und gleichzeitig ist es möglich, wieder in Bewegung zu kommen, Schritt für Schritt, alltagstauglich, realistisch.

Und noch etwas sage ich sehr klar: Menschen, die in diesem Feld arbeiten und Diagnosen nahelegen, therapeutische Versprechen machen oder notwendige Weiterleitungen nicht ernst nehmen, halte ich für hochgradig problematisch. Nicht aus Prinzipienreiterei, sondern weil diese Grenze einen Grund hat. Sie schützt Klientinnen. Und sie schützt die Professionalität der Arbeit.

Raus aus der erlernten Hilflosigkeit, rein in die Selbstwirksamkeit. Das ist in meiner Praxis für psychologische Beratung immer das oberste Ziel.