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Disclaimer

Dieser Blogartikel ist im generischen Femininum geschrieben – und das ganz bewusst. Es geht hier nicht darum, dass nur Frauen gemeint oder angesprochen sind. Aber nachdem Jahrhunderte lang alles im generischen Maskulinum verfasst wurde, wird es Zeit für ein Update. Sprache prägt unser Denken, und wenn wir Gleichberechtigung ernst meinen, sollten wir auch so schreiben. Fühl dich also eingeladen, unabhängig von deinem Pronomen, dich angesprochen zu fühlen – hier geht es um uns alle.

6 Minuten Lesezeit


Lass uns ehrlich sein: Immer gelassen, wertschätzend, atmend und bedürfnisorientiert? Klingt wunderbar in der Theorie, aber wer das behauptet, war noch nie im echten Leben unterwegs. Denn während du dir vielleicht vornimmst, der Inbegriff von Zen zu sein, spielt das Leben oft genug „Verlier deinen Verstand“ mit dir.

Es sind ja nicht nur deine Kinder, die deinen Alltag zur emotionalen Achterbahnfahrt machen können. Da wären noch:

  • Die Kolleg*innen, die dir die Deadline ihres Lebens aufzwingen, weil sie es selbst nicht hinbekommen haben.
  • Die Nachbarin, die dir latent vermittelt, dass dein Unkraut im Vorgarten ihre persönliche Lebensqualität ruiniert.
  • Die Paketbotin, die dein Paket bei jemandem abgibt, der anscheinend auf einer geheimen Insel lebt, von der niemand jemals gehört hat.
  • Die Schwiegereltern, die subtil einflechten, wie viel ordentlicher, höflicher und insgesamt großartiger ihre Erziehungsmethoden waren.
  • Und du selbst. Ja, du bist oft deine härteste Kritikerin, die sich einredet, dass du auch noch den Mond vom Himmel holen solltest, während du eigentlich gerade mal so den Abwasch geschafft hast.

All diese Menschen – und Situationen – fordern täglich einen Teil von dir ein. Und oft bleibt von dir selbst nur noch ein verschrumpelter kleiner Kern übrig, der vor sich hin murmelt: „Ich dachte, das Leben sollte einfacher werden.“

Selbstbestimmung: Ein essenzieller Teil von uns

Lass uns eines vorwegnehmen: Nur weil wir uns entschieden haben, eine Familie zu gründen, heißt das noch lange nicht, dass wir damit unsere Selbstbestimmung aufgegeben haben – im Gegenteil! Deine Selbstbestimmung ist ein essenzieller Teil von dir, den du für nichts und niemanden aufgeben solltest. Sie ist der Kern, der dich durch die Herausforderungen des Lebens trägt und dir hilft, nicht nur zu funktionieren, sondern auch du selbst zu bleiben. Familie und Selbstbestimmung schließen sich nicht aus – sie ergänzen sich.

Wenn das Wohnzimmer zur Kampfzone wird

Kennst du das? Du hast höflich und geduldig zum 368. Mal darum gebeten, dass deine Kinder ihre Sachen aufräumen. Stattdessen breitet sich das Chaos weiter aus, und das Wohnzimmer wird zur Erweiterung des Kinderzimmers, weil das eigentliche Zimmer – Zitat – „zu unordentlich“ ist. Der absolute Höhepunkt: Nach einem Tag voller Kompromisse und Achtsamkeitsversuche stellt sich heraus, dass die Hausaufgaben „natürlich“ fertig sind. Spoiler: Sind sie nicht.

Da stehst du dann, mit einem Auge auf der Uhr, die dir sagt, dass es schon viel zu spät für Mathe ist, und dem anderen auf deinem inneren Selbst, das gerade versucht, nicht alles anzuzünden. Innere Ruhe? Gelassenheit? Am Arsch die Räuber.

Die Illusion der Perfektion – Weg damit

Der Gedanke, immer achtsam und wertschätzend zu sein, ist schön, aber unrealistisch. Du bist kein Einhorn, das permanent Glitzer spuckt. Du bist ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen, Schwächen und Grenzen. Und das ist gut so. Denn was deine Kinder – und alle Menschen um dich herum – wirklich brauchen, ist deine Authentizität, nicht deine Perfektion.

Was passiert, wenn du unauthentisch bist? Genau, alle merken es. Kinder haben ein unfehlbares Radar dafür, ob du wirklich präsent bist oder nur versuchst, dein inneres Chaos zu kaschieren. Der Versuch, immer alles richtig zu machen, ist ein Rezept für emotionalen Burnout. Und das bringt niemandem etwas.

„Du hast mich provoziert!“ – Nein, so funktioniert das nicht

Wenn deine Reaktion mal völlig daneben war – was übrigens jedem von uns passiert – dann ist es wichtig, dass du dich aufrichtig entschuldigst. Aber bitte ohne ein „Aber“. Ein Satz wie: „Es tut mir leid, dass ich so überreagiert habe, aber DU hast mich provoziert“ ist keine Entschuldigung. Es ist eine Schuldzuweisung im Schafspelz.

Deine Reaktionen gehören dir. Und wenn du mal die Fassung verlierst, dann ist das kein Fehler deiner Kinder oder deines Umfelds, sondern ein Zeichen, dass etwas in dir getriggert wurde. Und genau hier liegt der Schlüssel zur Veränderung.

Warum flippe ich eigentlich aus?

Die Momente, in denen wir explodieren, haben selten mit der aktuellen Situation zu tun. Stattdessen holen uns alte Glaubenssätze und emotionale Wunden aus unserer Kindheit ein. Frag dich:

  • Fühle ich mich nicht wertgeschätzt?
  • Habe ich das Gefühl, nicht gut genug zu sein?
  • Spüre ich den Druck, immer perfekt sein zu müssen?

Das sind keine Gedanken, die durch dein Kind oder deine Umgebung entstehen. Das sind Altlasten aus deiner Vergangenheit, die in ungünstigen Momenten wieder hochkommen. Und das ist okay. Wichtig ist, dass du sie erkennst und daran arbeitest, sie loszulassen.

Vom blinden Reagieren zum bewussten Agieren

Wie kommst du raus aus diesem ewigen Hamsterrad des unkontrollierten Reagierens? Eine Möglichkeit: Kreiere ein Ritual, das dich unterbricht.

Beispiel: Wenn du merkst, dass du gleich explodierst, klatsch in die Hände, dreh dich dreimal im Kreis und pfeif „La Paloma“. Klingt albern? Genau darum funktioniert es. Dieses Musterunterbrechungs-Ritual gibt dir einen Moment Zeit, dich zu sammeln und aus dem blinden Reagieren ins bewusste Agieren zu kommen. Danach kannst du immer noch entscheiden, ob du dich sammelst oder schreist – aber diesmal bewusst.

„Ich muss gar nichts.“ – Die Macht des bewussten Neins

Wir alle tragen dieses „Ich muss doch…“ wie einen schweren Rucksack mit uns herum. Aber musst du wirklich?

  • Musst du den dritten Kuchen für das Schulfest backen, weil sich sonst niemand findet?
  • Musst du die zehnte Überstunde schieben, weil der Kollege mal wieder „krank“ ist?
  • Musst du heute wirklich die Fenster putzen, obwohl du kaum die Augen offenhalten kannst?

Die Antwort ist oft ein klares Nein.

Mach dir bewusst: Deine Grenzen zu setzen ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge. Denn wenn du ständig alle Erwartungen erfüllst, bleibt irgendwann nichts mehr für dich übrig. Und nein, deine abendliche Dusche zählt nicht als Selbstfürsorge. Sie verhindert nur, dass du wie ein Zombie aus einer Apokalypse riechst.

Lerne deine Grenzen kennen und liebe sie

Deine persönlichen Grenzen sind das Fundament deiner mentalen Gesundheit. Aber um sie zu wahren, musst du sie erst einmal kennen.

  • Reflektiere: Was sind deine No-Gos? Wo fängt es an, sich falsch anzufühlen?
  • Kommuniziere: Setz klare, liebevolle Grenzen und steh dazu.
  • Übe: Am Anfang fühlt sich das vielleicht komisch an, aber je öfter du deine Grenzen verteidigst, desto leichter wird es.

Selbstfürsorge ist kein Luxus

Du kannst nur geben, was du selbst hast. Das bedeutet: Wenn du deine innere Flamme nicht nährst, kannst du auch niemanden wärmen. Nimm dir Zeit für dich, auch wenn es schwerfällt. Ob das ein Spaziergang ist, ein heißes Bad oder 30 Minuten mit einem Buch – tu, was dir guttut.

Wie die großartige Virginia Satir sagte:
„Sorge dafür, dass du selbst gut genährt bist – emotional, körperlich und geistig. Nur dann kannst du auch für andere da sein.“

Fazit: Du bist genug

Das Leben ist kein Wettbewerb um die perfekteste Elternschaft oder das vorbildlichste Dasein. Es geht darum, echt zu sein, in Beziehung zu bleiben und auch mal Fehler zu machen. Denn genau darin liegt das wahre Wachstum – für dich und die Menschen um dich herum.

Du bist genug. Du machst genug. Und es ist okay, wenn nicht alles perfekt ist. Setz dich hin, atme durch, klatsch in die Hände, pfeif „La Paloma“ und erinnere dich daran: Du darfst sein, wie du bist.