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Wie alt warst du, als du das erste Mal übergriffiges Verhalten erlebt hast? Für viele von uns beginnt es erschreckend früh. Aber womit fängt übergriffiges Verhalten eigentlich an? Vielleicht mit dem Kuss auf die Wange, den wir als Kind nicht wollten. Oder der Umarmung, die uns aufgedrängt wurde, obwohl wir keinen körperlichen Kontakt wollten – egal, ob wir klein, mittelgroß oder schon ein Teenager waren. Es fängt klein an und wird oft ignoriert. Aber irgendwann wird es größer: Das erste Dick-Pic im Postfach oder die fremde Hand auf deinem Bauch, wenn du schwanger bist und plötzlich jeder denkt, er dürfe ungefragt deinen Körper berühren.

Ich erinnere mich, ich war 12 Jahre alt, als mir das erste Mal ein Dick-Pic zugeschickt wurde. Ein fremder Mann aus dem Internet – wir schreiben das Jahr 1997, die Ära der kreischenden Modems und des AOL-Browsers. Damals dachte ich, es sei meine Schuld. Ich war überzeugt, ich hätte etwas getan, das dieses Verhalten ausgelöst hat. Und was tat ich? Ich schämte mich unendlich und löschte das Bild. Es wanderte in den Papierkorb des Computers, doch die Scham blieb.

Doch in all den Jahren ist es nicht bei Dick-Pics geblieben. Übergriffiges Verhalten hat sich in verschiedenen Formen gezeigt: am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Feiern oder auf der Straße. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft – so bunt und vielfältig wie das Leben selbst. Behütet und beschützt zu sein, ist für viele Frauen ein Mythos, den wir kaum noch ernst nehmen können. Die Vorstellung, dass Frauen immer in Sicherheit leben können, ist für viele von uns nicht mehr realistisch.

Aber woher kommt dieses tiefe Schamgefühl, das so viele von uns lähmt? Schämen bedeutet, sich schuldig zu fühlen, und dieses Schamgefühl wurzelt oft in der Kindheit. Damals war Scham eine hilfreiche Strategie, um uns in unserer kindlichen Welt zurechtzufinden, wo wir dachten, dass sich die Welt um uns dreht. Dieses „magische Denken“ führt dazu, dass Kinder sich für das Verhalten anderer verantwortlich fühlen. Sie denken, wenn etwas Schlimmes passiert, müssen sie irgendwie schuld daran sein. Diese kindliche Reaktion kann dazu führen, dass wir in den sogenannten Freeze-Modus fallen, in dem wir vor Angst erstarren und lieber nichts tun. Herauszukommen ist nicht leicht, denn dieser Automatismus sitzt tief.

Doch zum Glück können wir das im Erwachsenenalter ändern oder uns dessen zumindest bewusst werden. Es geht darum, die Scham hinter uns zu lassen und nicht in diesem kindlichen Schuldgefühl zu verharren. Und genau da möchte ich ansetzen: Ich möchte Frauen ihre Würde zurückgeben, die ihnen so oft genommen wurde. Unsere Gesellschaft neigt dazu, aus Überlebenden bleibende „Opfer“ zu machen. Dieses Narrativ erzeugt Mitleid – und Mitleid bringt uns zurück in das kindliche Ich, in dem wir uns machtlos fühlen.

Ich möchte von niemandem bemitleidet werden, denn das bringt mich zurück an einen Ort der Hilflosigkeit. Ich möchte verstanden und gesehen werden, nicht aber bemitleidet! Es geht nicht darum, Frauen als „Opfer“ darzustellen, sondern ein starkes Frauenbild zu fördern. Ein Bild, in dem Frauen Schulterschluss zeigen, sich gegenseitig stärken und nicht in den endlosen, destruktiven Vergleichskreisläufen gefangen bleiben. Es ist Zeit, dass wir die Scham ablegen, uns unserer Stärke bewusstwerden und uns selbst neu definieren.

„Ich bin nicht frei, solange eine Frau unfrei ist, auch wenn ihre Fesseln sich von meinen unterscheiden.“ – Audre Lorde

Die Scham gehört nicht dir – sie gehört den Tätern

Wie oft hören wir Sätze wie: „Es muss doch einen Grund geben. Du musst es provoziert haben. Niemand agiert unprovoziert so.“ Hier beginnt das Problem: Die Scham, die Schuld, sie wird den Opfern auferlegt, während die Täter im Schatten bleiben. Aber warum sollte sich eine Frau schämen, weil sie einen Ausschnitt getragen hat? Oder weil sie abends mit Freundinnen ausgegangen ist und Spaß hatte? Was, wenn du einfach nur in deinem Alltag lebst und jemand beschließt, deine Grenzen zu überschreiten?

Lasst uns über Gisele Pelicot sprechen. Eine Frau, die über neun Jahre hinweg von ihrem eigenen Ehemann betäubt und vergewaltigt wurde. Und nicht nur das – er ließ auch noch 90 andere Männer an ihr vergehen. Das sind nicht die Monster, die man sich in düsteren Gassen vorstellt. Das sind die „netten“ Männer von nebenan – der hilfsbereite Nachbar, der liebende Ehemann, der Opa, der Handwerker. Es ist Zeit, die Augen zu öffnen.

Gisele Pelicot sagt: Es ist Zeit, dass die Scham die Seite wechselt. Und genau das bringt es auf den Punkt: Es ist Zeit, dass sich die Täter schämen und nicht die Opfer.

„Die Wahrheit wird dich befreien, aber zuerst wird sie dich wütend machen.“ – Gloria Steinem

Zeit für ein Umdenken: Scham und Verantwortung

Es ist absolut wichtig, dass wir endlich begreifen: Sexuelle Belästigung, Übergriffe, Gewalt – das alles sind keine Einzelfälle. Natürlich sind nicht alle Männer Täter, aber wenn „Not all Men“ als Standardverteidigung vorgebracht wird, frage ich mich: Warum sind so viele Männer dann still? Warum wird weggeschaut, statt eingegriffen? Schweigen, Wegsehen und nichts zu sagen, darf keine Option mehr sein.

Die Scham, die so viele von uns jahrelang mit uns herumtragen, gehört nicht uns. Es ist nicht deine Schuld, wenn dir jemand zu nahetritt. Es ist nicht dein Fehler, wenn ein Mann übergriffig wird – ob mit einem Dick-Pic oder mit einer Hand auf deinem Körper. Es ist Zeit, dass wir diese Scham dorthin zurückschicken, wo sie hingehört: Zu den Tätern.

„Unser Schweigen wird uns nicht beschützen.“ – Audre Lorde

Der Umgang mit Übergriffen muss sich ändern

Hier ist der Punkt: Wir müssen nicht nur die Übergriffe ansprechen, sondern auch präventiv handeln. Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem übergriffiges Verhalten gar nicht erst möglich wird. Hier ein paar Dinge, die jeder von uns aktiv tun kann:

1. Educate Your Sons

Das beginnt zu Hause. Eltern müssen ihren Söhnen beibringen, wie wichtig es ist, Grenzen zu respektieren – sowohl physisch als auch emotional. Lehrt sie, dass Nein wirklich Nein bedeutet, und dass ein Einverständnis aktiv und klar sein muss. Jungs müssen verstehen, dass die Verantwortung für übergriffiges Verhalten immer bei ihnen liegt, nicht bei dem, was jemand trägt oder tut.

„Erziehung ist der mächtigste Weg, um die Welt zu verändern.“ – Nelson Mandela

2. Aktives Zuhören und Verurteilen sein lassen

Zu oft neigen wir dazu, Menschen in Frage zu stellen, die von Übergriffen erzählen. Statt zu sagen: „Warum hast du das getragen?“ oder „Warum warst du allein unterwegs?“, sollten wir lernen, zuzuhören, ohne zu verurteilen. Jeder Mensch hat das Recht, sich sicher zu fühlen, unabhängig von Kleidung, Verhalten oder Situation.

3. Zeichen von Machtmissbrauch erkennen

Machtmissbrauch und Übergriffigkeit sind eng miteinander verbunden. Wir müssen lernen, auch subtile Anzeichen von Machtmissbrauch zu erkennen, sei es in Beziehungen, am Arbeitsplatz oder im Alltag, und den Mut haben, darauf aufmerksam zu machen und einzuschreiten.

4. Öffentliches Eintreten gegen Belästigung

Wer sich sicher fühlt, sollte sich für diejenigen einsetzen, die es nicht tun. Wenn du Übergriffigkeit siehst – sei es auf der Straße, im Netz oder im sozialen Umfeld – melde dich zu Wort. Schweigen und Wegsehen sind keine Optionen mehr. Es ist wichtig, Verantwortung zu übernehmen und gegen diese Verhaltensweisen vorzugehen.

„Die Frage ist nicht, wer mich lässt, sondern wer mich aufhalten will.“ – Ayn Rand

Die Scham muss endlich die Seite wechseln

Es wird Zeit, dass sich diese verkehrte Weltanschauung ändert. Es ist nicht die Frau, die sich schämen sollte. Nicht das Mädchen, das Opfer eines Übergriffs wurde. Nicht die Mutter, die ihren Bauch ohne Vorwarnung angefasst bekommt. Nicht das Kind, das einen Kuss auf die Wange ertragen muss, den es nicht wollte. Die Scham gehört dorthin, wo sie hingehört – zu den Tätern.

Es ist Zeit, dass die Scham die Seite wechselt. Es ist Zeit, dass die Täter sich schämen, dass sie zur Verantwortung gezogen werden, und dass wir laut darüber sprechen. Es ist Zeit, dass auch die Männer, die sich als unbeteiligt betrachten, verstehen, dass Schweigen keine Option mehr sein kann. Wegsehen macht niemanden unschuldig – es macht dich zum Teil des Problems.

Schluss mit der Opferrolle – Verantwortung übernehmen

Es ist Zeit, dass wir alle Verantwortung übernehmen. Es ist Zeit, dass Frauen ihre Stimmen erheben, ohne Angst vor Schuldzuweisungen. Es ist Zeit, dass Männer erkennen, dass auch sie eine Rolle spielen – dass es nicht reicht, „kein Täter“ zu sein, sondern dass wir alle aktiv für ein Ende dieser Übergriffe kämpfen müssen.

Die Scham gehört nicht zu uns. Sie gehört denen, die glauben, dass sie das Recht haben, unsere Grenzen zu überschreiten. Und diese Scham dürfen wir ihnen gerne zurückgeben – laut, deutlich und ohne Kompromisse.

„Frauen zu unterschätzen war schon immer der größte Fehler der Männer.“ – Ruth Bader Ginsburg

Wo du Hilfe und Unterstützung finden kannst

Wenn du Opfer von Übergriffen geworden bist oder jemanden kennst, der betroffen ist, gibt es viele Organisationen und Anlaufstellen, die dir Unterstützung bieten – unabhängig davon, ob du Kind, Teen, Frau, Mann oder eine diverse Person bist. In Deutschland kannst du dich jederzeit an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Nummer 08000 116 016 wenden – anonym und rund um die Uhr. Für Kinder und Jugendliche bietet die Nummer gegen Kummer (116 111) eine kostenfreie und vertrauliche Beratung. Auch Männer, die von Gewalt betroffen sind, können sich an das Hilfetelefon Gewalt an Männern unter 0800 123 9900 wenden. LGBTQIA+-Personen finden Hilfe und Beratung bei Queer Refugees Deutschland und anderen LGBTQ+-Organisationen.

Darüber hinaus möchte ich dir sagen, dass auch ich, Anna Evers, und meine Psychologische Paar- und Familienberatung ein sicherer Ort für Betroffene bin. Egal, wer du bist oder was du durchmachst – du kannst dich jederzeit vertrauensvoll an mich wenden. Bei mir erhältst du sofortige Hilfe und Unterstützung, denn niemand sollte sich in solch schweren Situationen allein fühlen. Zögere nicht, dich zu melden – ich bin hier, um dir zur Seite zu stehen.