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Warum Paarberatung einen feministischen Blick braucht

Die Szenen in diesem Artikel verdichten wiederkehrende Dynamiken aus unterschiedlichen Beratungszusammenhängen. Sie bilden kein konkretes Paar ab. Persönliche Merkmale und Lebensumstände wurden verändert.

Er sagt, ihm fehle Sexualität.

Sie sagt, ihr fehle ein Zeitpunkt am Tag, an dem niemand etwas von ihr brauche.

Sie denkt an Termine, Einkäufe, Schulnachrichten, Geburtstage, Wäsche und daran, wer gerade neue Schuhe braucht. Sie hält den Alltag zusammen und häufig auch die Stimmung darin. Sie bemerkt, erinnert, organisiert und fängt auf. Abends wird Nähe zu einer weiteren Erwartung, die an sie herangetragen wird.

Wenn sie Nein sagt, endet die Situation nicht immer. Dann beginnt die Diskussion. Er ist verletzt, wird frustriert oder macht ihr Vorwürfe. Sie erklärt sich. Sie verteidigt sich. Manchmal gibt sie irgendwann nach.

Im Beratungsraum lässt sich daraus recht schnell ein Konflikt über unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse machen. Er wünscht sich mehr Nähe. Sie hat wenig Lust. Also suchen wir einen Kompromiss, arbeiten an der Kommunikation und planen vielleicht noch einen Paarabend. Klingt vernünftig. Ist nur möglicherweise meilenweit am eigentlichen Problem vorbei.

Denn bevor wir über einen Kompromiss sprechen, brauche ich andere Fragen:

Wann endet ihre Zuständigkeit?

Wie frei kann ein Körper in Richtung Lust wechseln, wenn er seit morgens im Funktionsmodus ist?

Welche Rolle spielen Enttäuschung, Druck und Vorwürfe?

Und gilt ihr Nein bereits beim ersten Mal?

Genau an dieser Stelle beginnt für mich feministisch orientierte Paarberatung.

Das Wort, bei dem manche innerlich schon die Jacke anziehen

„Feministische Paarberatung“ klingt für einige Menschen ungefähr so einladend wie eine angekündigte Wurzelbehandlung.

Die Frau hat recht. Der Mann ist das Problem. Das Patriarchat sitzt mit auf dem Sofa und bekommt die dritte Tasse Kaffee.

Hurz.

Gemeint ist etwas deutlich Sinnvolleres.

Patriarchale Strukturen können Männern Vorteile verschaffen und ihnen zugleich einen Preis abverlangen. Männlicher Wert wird häufig an Leistung, Unabhängigkeit, Kontrolle, Versorgungsfähigkeit und sexuelle Souveränität geknüpft. Das begrenzt Männer real. Es hebt die strukturelle Asymmetrie trotzdem nicht auf: Frauen tragen weiterhin häufiger und schwerer die Folgen ungleich verteilter Care-Arbeit, ökonomischer Abhängigkeit, eingeschränkter Entscheidungsmacht und sexualisierter Grenzüberschreitungen.

Ein feministischer Blick hält beides gleichzeitig aus, ohne daraus ein beruhigendes 50:50 zu basteln.

Eine feministisch orientierte Paarberatung untersucht, wie Geschlecht, Sozialisation, Macht, Geld, Care-Arbeit, Elternschaft, körperliche Belastungen und gesellschaftliche Erwartungen in eine Beziehung hineinwirken. Sie fragt, welche Möglichkeiten zwei Menschen formal haben und welche ihnen im Alltag tatsächlich zur Verfügung stehen.

Denn eine Beziehung findet nicht im luftleeren Raum statt. Zwei Menschen bringen ihre Geschichte mit, ihre Bindungserfahrungen, ihre Ängste, ihre Schutzmechanismen und ihre Vorstellungen davon, wie Beziehung funktioniert. Sie bringen außerdem die Welt mit, in der sie leben. Und diese Welt verteilt Fürsorge, Verantwortung, Einkommen, Anerkennung, Risiko und Freiheit noch immer ziemlich zuverlässig entlang von Geschlechterrollen.

Meine fachliche Position lautet deshalb:

Jede Paarberatung mit heterosexuellen Paaren braucht einen geschlechter- und machtsensiblen Blick. Ein feministischer Ansatz stellt genau diesen Blick zur Verfügung.

Feministische Therapie betrachtet menschliche Schwierigkeiten ausdrücklich im Zusammenhang mit Geschlecht, sozialer Position und Macht. Die einzelne Person wird dabei als Expertin ihres Lebens ernst genommen. Ihr Erleben wird weder aus seinem gesellschaftlichen Kontext gelöst noch durch eine politische Schablone ersetzt. Genau diese Verbindung beschreibt Laura S. Brown in ihrem bei der American Psychological Association erschienenen Grundlagenband zur feministischen Therapie. [1]

 

Augenhöhe lässt sich nicht einfach behaupten

Paarberatung arbeitet häufig mit Wechselwirkungen.

Eine kritisiert, der andere zieht sich zurück. Je stärker sie drängt, desto stärker geht er auf Abstand. Je stärker er auf Abstand geht, desto lauter wird sie. Ein Kreislauf entsteht. Die Gottman-Methode beschreibt solche Interaktionsmuster sehr anschaulich und bietet hilfreiche Werkzeuge, um Kritik, Rechtfertigung, Verachtung, Rückzug, Überflutung und misslungene Reparaturversuche zu erkennen.

Das ist wertvoll. Gleichzeitig erzählt der Kreislauf noch nicht die ganze Geschichte.

Vielleicht hat sie ein Thema fünfzigmal ruhig angesprochen, bevor sie laut wurde.

Vielleicht dient sein Rückzug gerade der Regulation, weil sein Nervensystem überfordert ist.

Vielleicht beendet er damit seit Jahren jedes Gespräch, das Verantwortung von ihm verlangen würde.

Vielleicht trägt sie sämtliche Folgen, sobald er sich entzieht.

Das sichtbare Muster zeigt, wie zwei Menschen aufeinander reagieren. Der machtsensible Blick fragt zusätzlich, unter welchen Bedingungen dieser Kreislauf entstanden ist und wer welchen Preis dafür bezahlt.

Eine Beziehung kann erst auf Augenhöhe betrachtet werden, wenn wir geprüft haben, ob ihre Ausgangsbedingungen überhaupt auf Augenhöhe sind.

Denn zwei Menschen gleich zu behandeln, macht ihre Beziehung noch lange nicht gleichberechtigt.

 

„Dann sag mir doch einfach, was ich machen soll“

Dieser Satz fällt in erstaunlich vielen Beziehungen.

Eine Frau sagt, dass sie sich mit Haushalt, Kindern und Familienorganisation alleingelassen fühlt. Ihr Partner antwortet, sie müsse ihm eben sagen, was zu tun sei.

Auf den ersten Blick klingt das nach Hilfsbereitschaft. Bei genauerem Hinsehen bekommt sie gerade eine weitere Aufgabe: Sie soll bemerken, planen, priorisieren, erklären, delegieren und anschließend prüfen, ob alles erledigt wurde.

Er hilft.

Sie bleibt verantwortlich.

Mental Load besteht genau aus dieser oft unsichtbaren Denkarbeit: vorausdenken, erinnern, Entscheidungen vorbereiten, Bedürfnisse im Blick behalten und dafür sorgen, dass aus vielen kleinen Aufgaben überhaupt ein funktionierender Alltag wird. Eine systematische Übersichtsarbeit zur mentalen Arbeit zeigt, dass dieser kognitive Anteil unbezahlter Arbeit in heterosexuellen Beziehungen weiterhin deutlich geschlechtlich verteilt ist und überwiegend von Frauen getragen wird. Die Belastung hängt unter anderem mit Stress sowie geringerer Lebens- und Beziehungszufriedenheit zusammen. [2]

Eine Paarberaterin könnte der Frau nun empfehlen, mehr loszulassen. Der Partner brauche Raum, Dinge auf seine Weise zu erledigen.

Vorher interessiert mich allerdings: Was passiert, wenn sie wirklich loslässt?

Bleibt der Zahnarzttermin unvereinbart? Fehlt die Wechselkleidung in der Kita? Denkt niemand an die Anmeldung für die Ferienbetreuung? Wird sie am Ende angerufen, weil sie in sämtlichen Systemen als Ansprechpartnerin hinterlegt ist? Und wer fängt die Folgen auf?

Loslassen ist erst dann eine reale Möglichkeit, wenn Verantwortung vollständig wechseln kann. Dazu gehören die Planung, die Entscheidung, die Durchführung und die Konsequenzen. Wer weiterhin erinnert, kontrolliert und im Notfall übernimmt, hat keine Verantwortung abgegeben. Sie hat lediglich eine Aufgabe verteilt und bleibt innerlich in Bereitschaft.

Manchmal spielt auch eigene Angst mit hinein. Manche Menschen haben hohe Ansprüche, korrigieren viel oder halten schwer aus, wenn etwas anders erledigt wird, als sie es selbst tun würden. Auch das gehört in den Beratungsraum. Ein feministischer Blick spricht Frauen weder jede Kontrolle noch jeden Anteil am Beziehungsgeschehen ab.

Er prüft lediglich die Reihenfolge.

Bevor wir eine Frau zur Lockerheit ermuntern, schauen wir, ob unter ihr überhaupt ein tragfähiges Netz gespannt ist.

 

Wenn fehlender Sex zum Paarproblem wird und fehlende Entlastung Privatsache bleibt

Unterschiedliches sexuelles Begehren ist in Beziehungen häufig. Es kann viele Gründe haben: Stress, körperliche Veränderungen, Medikamente, Krankheit, Beziehungskonflikte, negative Erfahrungen, fehlende emotionale Verbindung oder schlicht unterschiedliche Bedürfnisse.

Bei heterosexuellen Paaren lohnt zusätzlich ein Blick auf die Verteilung des Alltags. Forschung weist darauf hin, dass eine als unfair erlebte Aufteilung der Hausarbeit mit geringerem sexuellen Begehren von Frauen gegenüber ihren männlichen Partnern zusammenhängen kann. Die Autorinnen einer entsprechenden Studie diskutieren dabei unter anderem das Erleben, zugleich Partnerin und zuständige Betreuungsperson zu sein. [3]

Sexualität ist komplexer als ein ungeleerter Geschirrspüler. So einfach macht sie es uns leider nicht.

Es bedeutet: Der Kontext gehört mit auf den Tisch.

Wie erlebt sie Berührung im Alltag? Ist ihr Körper ein Ort eigener Lust oder vor allem ein Körper, der funktioniert, versorgt, trägt und verfügbar sein soll? Gibt es Zeit, in der niemand etwas von ihr möchte? Kann Nähe entstehen, ohne bereits die Erwartung auf den nächsten Schritt mitzubringen?

Und dann ist da die Frage nach Zustimmung.

Ein Nein braucht keine dreifache Ausfertigung und keinen beigefügten Begründungsordner.

Ein Nein, das erst nach mehreren Diskussionen, Vorwürfen oder sichtbarer Frustration akzeptiert wird, wird faktisch nicht respektiert. Gibt eine Person irgendwann nach, damit der Druck endet oder der nächste Streit ausbleibt, sprechen wir nicht mehr über eine frei gegebene Zustimmung. Eine Beziehung oder Ehe ist keine Dauereinwilligung.

Die Forschung unterscheidet sinnvoll zwischen sexueller Compliance und sexuellem Druck. Menschen können sich freiwillig auf Sexualität einlassen, obwohl sie gerade selbst wenig Begehren verspüren – etwa aus Verbundenheit oder dem Wunsch nach Nähe. Entscheidend sind Freiwilligkeit und die Abwesenheit von Druck. Wiederholtes Drängen, Schuldgefühle, negative Reaktionen oder emotionale Sanktionen verändern diese Situation grundlegend. [4]

Auch seine Seite verdient Raum. Hinter Frustration können Einsamkeit, Scham, Verlustangst, Zurückweisung und der Wunsch nach Verbindung liegen. Diese Gefühle sind real. Sie erzeugen keinen Anspruch auf ihren Körper.

Eine gute Beratung hilft ihm, seine Verletzlichkeit wahrzunehmen, auszudrücken und zu regulieren. Seine Partnerin muss sie dann nicht mehr durch sexuelle Verfügbarkeit für ihn regulieren.

Genau darin liegt einer der Gründe, weshalb Männer von feministischer Paarberatung erheblich profitieren.

 

Kompetenz zurückhalten und sich anschließend über ihre Abwesenheit beklagen

Ein weiterer Widerspruch begegnet mir dort, wo Wissen, Geld und Entscheidungen ungleich verteilt sind.

Eine Person übernimmt sämtliche finanziellen oder administrativen Angelegenheiten. Große Entscheidungen trifft sie allein und informiert die Partnerin später. Möchte die Partnerin etwas verstehen oder selbst übernehmen, heißt es: „Lass mal, ich mache das schon.“

Einige Zeit später lautet der Vorwurf, die Partnerin interessiere sich für nichts und lasse die gesamte Verantwortung bei der anderen Person.

Auf der Sachebene passt das nicht zusammen.

Auf der Machtebene ist es erstaunlich konsequent.

Wissen wird zurückgehalten. Dadurch entsteht ein Kompetenzgefälle. Dieses Gefälle dient anschließend als Begründung dafür, Entscheidungen weiterhin allein zu treffen. Die Person mit der Entscheidungsmacht kann sich gleichzeitig als überlastete Alleinverantwortliche erleben.

Beides kann sich für sie subjektiv wahr anfühlen.

Die Wirkung bleibt trotzdem dieselbe: Eine Partnerin verliert Einfluss und wird abhängig von Informationen, zu denen sie keinen verlässlichen Zugang hat.

An dieser Stelle braucht es sprachliche Genauigkeit. Nicht jede widersprüchliche Verantwortungszuschreibung ist Gaslighting. Gaslighting bezeichnet ein systematisches Muster, bei dem Wahrnehmungen, Erinnerungen und Erleben so bestritten oder verdreht werden, dass eine Person zunehmend an ihrer eigenen Realität zweifelt. Häufig treffen Begriffe wie Verantwortungsumkehr, Doppelbindung, Kompetenzentzug oder aufrechterhaltene Abhängigkeit das beobachtbare Geschehen genauer.

Eine feministisch arbeitende Beraterin fragt deshalb:

  • Wer hat Zugang zu Konten, Verträgen und wichtigen Unterlagen?
  • Wer versteht die finanziellen Entscheidungen und ihre Folgen?
  • Wer entscheidet über größere Ausgaben?
  • Wer könnte die gemeinsamen Angelegenheiten morgen eigenständig weiterführen?
  • Was geschieht, wenn die Partnerin widerspricht?
  • Besteht formale Mitsprache oder realer Einfluss?

Zwei Unterschriften unter einem Vertrag sagen noch wenig darüber aus, wie frei zwei Menschen innerhalb ihrer Beziehung entscheiden können.

„Frauen gehören an alle Orte, an denen Entscheidungen getroffen werden. Frauen sollten dort keine Ausnahme sein.“

— Ruth Bader Ginsburg

 

Was feministische Paarberatung konkret untersucht

Feministische Paarberatung beginnt mit offenen Fragen. Ein Urteil darüber, wer recht hat und wer das Problem ist, steht zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht fest.

Sie untersucht Macht, wo Macht wirkt.

Dabei helfen drei einfache Fragen:

Wer trägt was?

Arbeit. Verantwortung. Risiko. Organisation. emotionale Beziehungsarbeit. Die Folgen gemeinsamer Entscheidungen.

Wer darf was?

Sich zurückziehen. Erschöpft sein. Karriere machen. Freizeit haben. Wütend werden. Verletzlich sein. Grenzen setzen. Fehler machen.

Wer bezahlt den Preis?

Mit Zeit. Geld. Schlaf. Gesundheit. beruflicher Entwicklung. sexueller Selbstbestimmung. Freiheit. Selbstwert.

Diese Fragen gelten nicht ausschließlich für Frauen.

Wenn eine Partnerin ihren Partner kontrolliert, finanziell sanktioniert, entwertet, isoliert oder seine Grenzen übergeht, gehört das genauso auf den Tisch. Wenn ein Mann die gesamte Sorgearbeit trägt und seine Partnerin sie als selbstverständlich behandelt, braucht auch diese Verteilung Aufmerksamkeit.

Feminismus ist keine automatische Parteinahme für Frauen. Er ist die Bereitschaft, soziale Rollen, Privilegien, Abhängigkeiten und reale Handlungsmöglichkeiten mitzudenken.

In heterosexuellen Beziehungen zeigen sich dabei häufig geschlechtlich geprägte Muster. „Häufig“ ist ein wichtiges Wort. Es beschreibt ein gesellschaftliches Muster und schreibt keinem einzelnen Paar seine Geschichte vor.

Individuelle Gegenbeispiele widerlegen keine strukturellen Verteilungen. Dass ein Mann die gesamte Sorgearbeit tragen oder von seiner Partnerin kontrolliert werden kann, bedeutet nicht, dass Macht, Einkommen, Care-Arbeit, Gewalt- und Gesundheitsfolgen gesellschaftlich gleich verteilt wären. Ein feministischer Blick nimmt den einzelnen Mann ernst und hält zugleich an dieser Asymmetrie fest.

 

Was Männer dadurch gewinnen

Patriarchale Geschlechterrollen verengen auch, was Männer fühlen, brauchen, leisten und zeigen dürfen. Diese Begrenzung besteht innerhalb einer Ordnung, die Männern in vielen Lebensbereichen Vorteile verschafft und Macht, Schutz, Risiko und Arbeit asymmetrisch verteilt.

„Wir bringen Jungen die Regeln des Patriarchats bei, indem wir sie zwingen, Schmerz zu empfinden und ihre Gefühle zu verleugnen.“

— bell hooks

Viele Männer lernen früh, dass Stärke, Leistung, sexuelle Souveränität und Unabhängigkeit zu ihnen gehören. Angst, Hilfebedarf, Unsicherheit und Abhängigkeit sollen möglichst unauffällig bleiben. So sitzen später erwachsene Männer in Paarberatungen, die sehr genau schildern können, was ihre Partnerin falsch gemacht hat, und kaum Worte dafür finden, was in ihnen selbst geschehen ist.

Schon der Schritt in eine Paarberatung kann gegen diese erlernten Regeln verstoßen. Wer gelernt hat, Probleme allein zu lösen, erlebt Unterstützung schnell als Beleg des eigenen Scheiterns. Eine systematische Übersichtsarbeit über 47 Studien zeigt, dass traditionelle Männlichkeitsnormen die Bereitschaft von Männern verringern können, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Besonders Vorstellungen von emotionaler Unerschütterlichkeit, Selbstgenügsamkeit und der Angst, als schwach wahrgenommen zu werden, stehen dem im Weg. [7]

„Sie weist mich ständig zurück“ lässt sich leichter sagen als:

„Ich habe Angst, dir nicht mehr wichtig zu sein.“

„Sie kontrolliert alles“ ist vertrauter als:

„Ich habe mich lange aus der Verantwortung herausgehalten und weiß gerade nicht, wie ich wirklich einsteigen kann.“

„Mit ihr kann man nicht reden“ schützt besser als:

„Ich schäme mich, weil ich keine Antwort habe.“

Eine feministische Perspektive nimmt diese Sozialisation ernst. Sie macht einen Mann nicht klein, weil ihm emotionale Sprache fehlt. Sie lädt ihn ein, Beziehungskompetenz zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen.

Auch Sexualität wird für Männer durch patriarchale Erwartungen enger, als es das Klischee vom stets bereiten und souveränen Mann vermuten lässt. Von Männern wird häufig erwartet, dass sie begehren, initiieren und funktionieren. So kann ein Nein der Partnerin als Urteil über den eigenen Wert landen, während eigene Unsicherheit, ausbleibende Lust, Leistungsangst oder ein eigenes Nein kaum ausgedrückt werden. Forschung zu leistungsorientierten sexuellen Skripten zeigt, dass solche Vorstellungen die offene Kommunikation von Männern über Sexualität erschweren können. [8] Feministische Paarberatung nimmt deshalb auch männliche sexuelle Grenzen ernst und löst Begehren von Leistungsnachweisen und männlichem Wert.

Patriarchale Rollen engen außerdem Vaterschaft ein. Eine umfangreiche Forschungsübersicht zu Zugangsbarrieren für Väter zeigt, dass auch Institutionen Mütter weiterhin als Sorgepersonen und Väter als Unterstützer oder Versorger behandeln. [9] Feministische Paarberatung traut Vätern vollständige Zuständigkeit zu: Versorgung, Organisation, emotionale Präsenz und Verantwortung für die unsichtbaren Teile des Familienalltags. Ein Vater gewinnt dadurch eine eigenständige Beziehung zu seinen Kindern und einen Platz im Familienleben, der nicht über das Projektmanagement seiner Partnerin vermittelt werden muss.

Er kann lernen, ein Nein auszuhalten, ohne daraus eine Aussage über seinen Wert zu machen.

Er kann Fürsorge geben, ohne auf eine Aufgabenliste zu warten.

Er kann Konflikte mitgestalten, statt sich zwischen Rückzug und Verteidigung entscheiden zu müssen.

Er kann verletzlich sein, ohne seine Partnerin für die Regulation dieser Verletzlichkeit zuständig zu machen.

Damit erweitert sich männliche Freiheit ganz erheblich.

 

Gottman beschreibt den Tanz. SERT schaut auf den Boden darunter

In meiner Arbeit nutze ich unter anderem die Gottman-Methode. Sie bietet hilfreiche Möglichkeiten, destruktive Kommunikationsmuster zu erkennen, Freundschaft und Verbundenheit zu stärken, Kontaktangebote wahrzunehmen und nach Konflikten wieder zueinanderzufinden.

Für sich allein beantwortet ein Interaktionsmuster jedoch noch nicht jede Machtfrage.

Die Socio-Emotional Relationship Therapy, kurz SERT, verbindet emotionale Paararbeit ausdrücklich mit dem sozialen und kulturellen Kontext eines Paares. Sie fragt danach, wie Einfluss, Fürsorge, Verantwortung und Verletzlichkeit zwischen zwei Menschen zirkulieren. Ihr Ziel ist eine Beziehung, in der beide Einfluss nehmen können, beide Verantwortung tragen und beide mit ihrer Verletzlichkeit vorkommen dürfen. Der grundlegende Fachartikel zu SERT beschreibt den Ansatz als Arbeit an soziokulturellen Prozessen, die Gleichwertigkeit und Verbundenheit begrenzen. [5]

Für meine Arbeit ergibt sich daraus eine ganzheitliche Betrachtung:

Was geschieht sichtbar zwischen euch?

Welche Gefühle und Schutzreaktionen liegen darunter?

Welche gesellschaftlichen Rollen und Machtverhältnisse strukturieren das Ganze?

Wer hat Einfluss?

Wessen Verletzlichkeit ruft Fürsorge hervor?

Und fließt diese Fürsorge anschließend auch wieder zurück?

Gefühle dürfen gleichwertig gehört werden. Verhalten, Verantwortung und Folgen sind deshalb noch lange nicht symmetrisch verteilt.

Ich kann die Angst eines Mannes vor Zurückweisung ernst nehmen und zugleich klar benennen, dass sein Umgang mit einem Nein seine Verantwortung bleibt. Ich kann verstehen, weshalb eine Frau schwer loslässt, und trotzdem mit ihr prüfen, ob Kontrolle inzwischen selbst Teil des Problems geworden ist. Verstehen und Verantwortlichkeit passen sehr gut in denselben Raum.

 

Wo „beide haben ihren Anteil“ gefährlich wird

Systemische Arbeit richtet den Blick auf Wechselwirkungen. Daraus ist ein Satz entstanden, der in Beratungsräumen ausgesprochen beliebt ist:

„Dazu gehören immer zwei.“

Nein.

Zu einer gemeinsamen Beziehung gehören zwei Menschen. Für jedes verletzende, kontrollierende oder gewalttätige Verhalten tragen deshalb nicht automatisch beide Verantwortung.

Bei Einschüchterung, systematischer Kontrolle, finanzieller Gewalt, sexueller Nötigung oder körperlicher Gewalt macht eine künstliche Symmetrie das Machtverhältnis unsichtbar. Dann wird aus Kontrolle ein Kommunikationsproblem und aus Angst ein ungünstiger Paarkreislauf. Die betroffene Person soll klarer sprechen, besser Grenzen setzen oder ihren Anteil erkennen, während die andere Person weiterhin bestimmt, welche Folgen diese Klarheit zu Hause hat.

Gemeinsame Paararbeit kann in solchen Konstellationen ungeeignet oder gefährlich sein. Aussagen aus der Beratung können später gegen die betroffene Person verwendet werden, und die Offenheit im Beratungsraum garantiert keine Sicherheit außerhalb dieses Raumes. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Paartherapie bei Gewalt in Paarbeziehungen kommt zu einem differenzierten Ergebnis: Bestimmte Ansätze können bei sorgfältig ausgewählten Fällen situativer Paargewalt hilfreich sein; die Sorge um Sicherheit und mögliche Eskalation bleibt zentral. Bei Coercive Control – einem fortlaufenden Muster aus Kontrolle, Einschüchterung, Isolation und Einschränkung der Autonomie – braucht es eine andere Einordnung und häufig andere Hilfen als gemeinsame Kommunikationsarbeit. [6]

Machtanalyse ist deshalb kein politisches Extra, das eine Beraterin je nach persönlichem Geschmack dazunimmt.

Sie gehört zur fachlichen Einschätzung des Beziehungssystems.

 

Neutralität heißt nicht, alles gleich zu gewichten

Als Paarberaterin höre ich beiden Menschen zu. Ich nehme beide ernst. Ich arbeite nicht mit einer vorab verteilten Schuldkarte.

Neutralität verlangt trotzdem keine Gleichgültigkeit gegenüber dem, was geschieht.

Wenn eine Person ein Nein mehrfach übergeht, benenne ich das.

Wenn eine Person die andere entwertet, kontrolliert oder von Informationen ausschließt, benenne ich das.

Wenn eine Person seit Jahren Verantwortung trägt und deshalb gereizt, erschöpft oder kontrollierend geworden ist, schauen wir auf ihre Reaktionen und auf die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind.

Ich gleiche keine Machtverhältnisse von außen aus, indem ich Verantwortung einfach halbiere. Fünfzig Prozent für jede klingt ordentlich. Beziehungen sind nur leider keine Excel-Tabelle.

Der Bezugsrahmen einer machtsensiblen Beraterin sind Würde, Sicherheit, Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit. Daran muss sich das Verhalten beider Menschen messen lassen.

Das kann für beide unbequem werden.

 

Liebe schützt eine Beziehung nicht vor Macht

„Liebe ist nie besser als die Person, die liebt.“

— Toni Morrison

Viele Menschen wünschen sich, dass ihre Partnerin zugleich engste Vertraute, sicherer Ort und beste Freundin ist. Andere definieren ihre Beziehung anders. Darüber dürfen Paare selbst entscheiden.

Respekt, körperliche Selbstbestimmung, informierte Teilhabe und die Möglichkeit, als erwachsene Person handlungsfähig zu bleiben, sind dagegen keine romantischen Extras.

Menschen können einander lieben und trotzdem ungerecht miteinander umgehen. Sie können Fürsorge empfinden und gleichzeitig Kontrolle ausüben. Sie können sich selbst als überlastet erleben und dennoch eine Ordnung schützen, die ihnen Entscheidungsmacht gibt. Sie können verletzt sein und ihre Verletzung auf eine Weise ausdrücken, die die andere Person unter Druck setzt.

Nähe löst Macht nicht auf. Manchmal macht sie Macht lediglich schwerer erkennbar, weil vieles wie Gewohnheit, Fürsorge oder eine harmlose Eigenart aussieht.

Feministisch orientierte Paarberatung schaut deshalb genauer hin.

Sie fragt, was zwischen zwei Menschen geschieht. Sie fragt, was emotional dahinterliegt. Und sie fragt, unter welchen gesellschaftlichen und materiellen Bedingungen beide versuchen, Beziehung zu führen.

Für eine Partnerin kann daraus die Erkenntnis entstehen:

„Meine Überlastung ist kein persönliches Organisationsversagen.“

Für einen Partner:

„Ich kann Verantwortung übernehmen, ohne darauf zu warten, dass sie mir Aufgaben zuteilt.“

Und:

„Mein Wert hängt nicht davon ab, dass ich alles allein löse, immer stark bin oder sexuell souverän wirke.“

Für beide:

„Wir sehen klarer, welche Beziehung wir gerade führen. Jetzt können wir entscheiden, welche wir miteinander führen wollen.“

Genau deshalb arbeite ich feministisch.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Quellen zu den fachlichen und wissenschaftlichen Aussagen

[1] Brown, L. S.: Feminist Therapy, Second Edition. American Psychological Association.

[2] Reich-Stiebert, N. et al. (2023): Gendered Mental Labor: A Systematic Literature Review on the Cognitive Dimension of Unpaid Work Within the Household and Childcare.

[3] Harris, E. A. et al. (2022): Gender Inequities in Household Labor Predict Lower Sexual Desire in Women Partnered with Men.

[4] Welk, V. J. et al. (2024): Differentiating compliance and verbal coercion.

[5] Knudson-Martin, C. & Huenergardt, D. (2010): A socio-emotional approach to couple therapy.

[6] Karakurt, G. et al. (2016): Couple Therapy for Intimate Partner Violence: A Systematic Review and Meta-Analysis.

[7] Mokhwelepa, L. W. & Sumbane, G. O. (2025): Men’s Mental Health Matters: The Impact of Traditional Masculinity Norms on Men’s Willingness to Seek Mental Health Support; a Systematic Review of Literature.

[8] Jampel, J. D. & Addis, M. E. (2021): The Impact of Performance-Based Scripts on Men’s Sexual Communication to Peers.

[9] Wynter, K. et al. (2024): Barriers and opportunities for health service access among fathers: A review of empirical evidence.

Quellen der verwendeten Zitate

Die deutschsprachigen Fassungen wurden für diesen Artikel aus dem Englischen übersetzt.

  • Ruth Bader Ginsburg: „Women belong in all places where decisions are being made. It shouldn’t be that women are the exception.“ Zitiert nach Cornell Chronicle.
  • bell hooks (2004): „To indoctrinate boys into the rules of patriarchy, we force them to feel pain and to deny their feelings.“ In: The Will to Change: Men, Masculinity, and Love.
  • Toni Morrison (1970): „Love is never any better than the lover.“ In: The Bluest Eye.

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